"Die Menschen, die um aktive Vulkane leben, aktzeptieren die Natur als etwas ganz Großes und nehmen ihr Schicksal an!" (Zitat einer Vulkanologin nach vielen Interviews rund um den Erdball.)

Der Melzer konnte nur ungefähr wiedergeben, was der Chauffeur während der ersten Fahrt nach Castellammare di Stabia, mehr dazu noch später, so von sich gab, mit einem breiten Grinser im Gesicht:
"Wenn ihr das erste Mal nach Neapel kommt, habt ihr Angst, dass eure Geldbörse gestohlen wird. Wenn ihr dann wieder nach Hause fahrt, habt ihr Angst, dass euch Neapel die Seele gestohlen hat!"
Treffender konnte man die bisherigen Reisen vom Melzer in den Golf von Neapel &
Kampanien nicht beschreiben! Kampanien - man denkt an reife Tomaten, an die beste Pasta der Welt, an Zitronen, so groß wie Fußbälle, noch dazu genießbar, an einen der gefährlichsten Vulkane
dieses Planeten, an Pompeji, an Maradona, an die Amalfitana, an Capri und Ischia und an Goethes "Italienische Reisen". Und dann dieses Licht! Dieses einmalige Licht, dass sich am späten
Nachmittag über den Golf von Neapel legt. Der Altmeister hätte wahrscheinlich gesagt, wie wenn sich eine goldene Decke über das Land legen würde.
Man denkt aber auch an die Mafia, an Müll, an die Gefahren des
Vulkans, an Umweltskandale ohne Ende, an Produktfälschungen, durchgeführt durch chinesische Leiharbeiter, die unter nahezu unmenschlichen Bedingungen in den Lagerhallen des alten Hafens in ALLES,
was sich nicht rühren kann, das Etikett "Made in Italy" einnähen. An Handtaschenräuber, und schon wieder an Tomaten, die auf den aufgeschütteten Giftmüllhalden gedeihen wie nur! Der
Straßenverkehr trägt den Beinamen IRRsinn, ROT an einer Ampel ist eine Empfehlung, aber keine Bedingung, während die öffentlichen Verkehrsmittel in einem Paralleluniversum aus Unzuverlässigkeit
und Zufall verkehren.
Wie wir alle wissen, ist ja bereits die Behauptung objektiv zu sein mehr als subjektiv! Was heißt, dass natürlich bei diesen Zeilen die vertraxte Liebe des Melzer zu Kampanien mitspielt. Wägt man das FÜR und WIDER der ersten Absätze ab, so mag auf einen Blick durchaus sein, dass der Ausschlag ins Negative überwiegen könnte, dennoch hatte der Komiker eine eigenartige Zuneigung zu Stadt, Land und Inseln entwickelt, die ihm selbst schon ein wenig unheimlich war.
Langjährige LeserInnen werden seine ersten Berichte über Kampanien noch in Erinnerung haben, es soll dies kein klassischer Reisetipp mehr sein, sondern eine Aufzählung kurioser Orte, kleiner Köstlichkeiten und lokaler Besonderheiten, ev. abseits der touristischen Pfade. Natürlich soll sich der Besucher Kampaniens auch Pompeji, Herculaneum, Ischia, Capri und den Vesuv ansehen, in diesem Eintrag wird jedoch ein bisserl über den Rand der Pizza geschaut.
Castellammare di Stabia / Hotel Stabia / Circumvesuviana / Gragnano
Castellammare, dieser ungewöhnliche Ort liegt exakt vis-a-vis von Neapel im südlichen Teil des Golfs, von dort aus sind es, je nach Verkehr, nur mehr wenige Minuten - oder auch Stunden, um mit dem Auto nach Sorrent zu gelangen, und damit in Richtung der wundervollen Amalfitana. Es kann durchaus passieren, dass in C'Stabia schon einmal ein Anwalt auf der Straße erschossen wird, es ist tatsächlich so, dass eine gewisse Gesellschaft seit Jahren verhindert, dass der öffentliche Strand, 2 km breit und mit wunderbarem Ausblick auf den Vesuv, auch tatsächlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die Arbeitslosigkeit liegt bei ungefähr 60 %, dennoch scheinen alle glücklich und zufrieden. Wer meint, dass es in Rom den besten Espresso Italiens gibt, der war noch nicht in C'Stabia! BEIDES probiert, kein Vergleich! Das einzige, erwähnenswerte Hotel in der Stadt bietet knapp 4 Meter hohe Zimmer, eine Küche zum NIEDERknien und der Ausblick durch die Glasfront des Restaurants am Dach in Richtung Sonnenuntergang über Ischia treibt einem das Wasser in die Augen. Die Auslastung verhält sich gegensätzlich zur Arbeitslosigkeit, also vielleicht geschätzte 40 %, dennoch wird dieses wunderbare Haus am Leben gehalten. Einige Herren wissen schon, warum.
Wer tatsächlich Interesse daran hat, dass dieser Ort touristisch nicht erschlossen wird, bleibt im Verborgenen, denken kann man sichs! Diesbezügliche Anfragen wurden jedes Mal mit einem Achselzucken quittiert. Das historische Thermalbad wurde nie restauriert, die "neue" Therme liegt seit 20 Jahren in einer Art Dornröschenschlaf. Dabei finden sich entlang der Strandpromenade eine erkleckliche Anzahl an Brunnen, die es der Bevölkerung ermöglichen, das Heilwasser gratis zu konsumieren. Die jahrelange Sperre des tollen Strandes wird mit der schlechten Wasserqualität argumentiert, obwohl einen knappen Kilometer weiter, etwas außerhalb der Stadt, erst vor wenigen Jahren ein neues 4-Stern-Hotel eröffnet hat. Mit hauseigenem Strand! Da kennt sich keiner aus...
Von C'Stabia lässt es sich wunderbar mit der lokalen
Bahn (Circumvesuviana) entweder in die eine Richtung nach Sorrent fahren, oder auch direkt ins historische Zentrum von
Neapel. Wenn sie fährt! Die Fahrpläne am Eingang der Stationen sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden. Wie überall in der Region herrschen auch bei der Bahn ganz eigene Gesetze,
ein Erlebnis ist die Fahrt allemal. UND wenn sie fährt, dann entgeht man in allen Fällen den täglichen Staus. Die Fahrt mit dem Auto kann durchaus die doppelte Zeit in Anspruch nehmen, egal in
welche Richtung!
Nur einen mutigen Spaziergang von Castellammare entfernt (nicht wegen der Schussgefahr, sondern wegen der Fahrweise der Einheimischen) erreicht man Gragnano, das "Walhalla" der italienischen Pasta. Dort wird noch in mehreren Fabriken für viele Feinschmecker die beste Pasta Italiens hergestellt, ausschließlich aus Wasser (aus den benachbarten Monti Lattari, wo auch einige der ehrenwerten Herren ihre Anwesen besitzen und besorgt über den Golf von Neapel blicken) und bestem Hartweizengrieß. Gezogen wird der Teig ausschließlich durch Bronze-Zieheisen, die der Pasta die typische, raue Oberfläche verleihen.
Sorrent / Amalfitana / Zitronen / Sfogliatelle, Cannoli und schon wieder un Cafè
Einen ganzen Tag, beim Melzer waren es zumeist zwei oder drei, sollte man sich Zeit für die Amalfitana und die umliegenden Orte nehmen, begonnen mit Sorrent. Die Amalfitana, mit den berühmten Orten wie Positano, Amalfi oder Vietri sul Mare, gehört ja nach wie vor zu den schönsten Küstenstraßen Europas, dies durchaus zu recht. Doch zuvor musste man sich erst einmal durch den verkehrstechnischen Wahnsinn von Sorrent kämpfen, da lohnte sich gleich ein Stopp, um die Nerven zu beruhigen. EINMAL hatte der Melzer den Fehler gemacht, und die Altstadt von Sorrent zu Ostern besucht. Nix mit Nerven beruhigen! Dass er diese Zeilen überhaupt verfassen kann, grenzt nach seinem damaligen Zustand an ein Wunder. Zum Glück ist ja Ostern nicht das ganze Jahr! Versöhnt hatte er sich mit der Schönen auf dem hohen Felsen im Cafe Veneruso, dort wurden Süssis offeriert, die einem schon wieder das Wasser in die Augen trieben, weil mehrmals. Diese Übertreibung wird man vielleicht noch öfters lesen. Übrigens gab es gleich neben dem Veneruso auf dem Corso Italia einen kleinen, verwunschenen Park, öffentlich zugänglich, in dem eine wunderbare Pflanzenvielfalt gedieh. Blühende UND gleichzeitig Früchte tragende Zitruspflanzen, Kamelien in allen rötlichen Schattierungen, blühende Klivien und eine Vielzahl an exotischen Kakteen. Fast möchte man aus diesem Garten nicht mehr weg.
Noch zwei "Übrigens" zu den Süssis. Hoch über dem Meer und direkt an der Küstenstraße kurz vor Praiano gab es eine kleine Touristenfalle, bei der fast jeder Reisebus stehen blieb, um Pause und Provision zu machen. Neben einem breit gefächerten Angebot an Majolika gab es eine kleine Bar. Waren die Busse weg, konnte man dort in aller Stille zu einem Espresso, der wie magische Creme aus der Tasse kam, einen atemberaubenden Blick über das Meer und die Inseln der Sirenen genießen, dazu eine Sfogliatelle con Crema, diese aus zartem Blätterteig hergestellte Sünde, oder ein Röllchen namens Cannoli (zumeist mit Ricotta & Arancini gefüllt), nicht minder köstlich. Und dann konnte schon passieren, dass der Padrone, der den verklärten Blick des Genießers richtig deutete, den wahren Limoncello unter der Budel hervorholte, nicht die Flaschen, die gerade zahlreich mit dem Bus das Geschäft verlassen hatten. Ein Vormittag, den man dann nicht so schnell wieder vergisst! Das zweite "Übrigens" hieß Pasticceria SAVOIA, befand sich direkt in Amalfi, Via Matteo Camera 2, schräg gegnüber des Doms, und dort wurden in dritter Generation die berühmten Amalfi-Zitronen, groß wie Bälle, sowie Orangen der Region zu zarten Scheibchen verarbeitet, in zarte Bitterschokolade getunkt, die einem schon wieder ... (und aus)!
Jeweils einen halben Tag sollte man schon für Positano und Amalfi vorsehen, um das Leben in diesen pittoresken Orten ein klein wenig aufsaugen zu können. Bitte jedoch das Geldtascherl festhalten, der Euro verspürte dort den exzessiven Drang nach außen! Von Amalfi ging es den Berg hinauf in Richtung der Monti Lattari um nach Ravello zu gelangen. In Ravello hatten sich vor gut 100 Jahren viele wohlhabende Briten und Amerikaner niedergelassen, um solch prachtvolle Villen wie die Villa Rufolo oder die Villa Cimbrone zu hinterlassen, heute zumeist sündteure VielStern-Hotels. In der Rufolo verkehrte lange Jahre u.a. Richard WAGNER, um seinen Parsifal zu vollenden, über den Garten der Cimbrone schrieb der amerikanische Schriftsteller Gore VIDAL: "Die schönste Aussicht der ganzen Welt die ich jemals sah, ist das Panorama der Villa Cimbrone an einem sonnigen Wintertag, wenn der Himmel und das Meer so lebendig blau sind, dass es nicht möglich ist, sie voneinander zu unterscheiden.“
Phlegräische Felder (Solfatara) / Pozzuoli / Cumae

Also, selbst der Laie konnte mit fremdem Auge erkennen, auf welchem Pulverfass die Menschen im Golf von Neapel eigentlich saßen. Diese Luftaufnahme zeigt Pozzuoli, übrigens der Geburtsort von Sophia Loren, und das umliegende Gebiet, ca. eine halbe Autostunde von Neapel entfernt! Ein Krater reiht sich neben dem anderen, unter Auskennern (Geologen, Vulkanologen) gilt diese Gegend als wesentlich instabiler und gefährlicher als der Vesuv (Luftlinie ca. 20 km entfernt) selbst. Eigentlich ist ja der gesamte Golf von Neapel ein einziger, riesiger Krater.
Am Rande des beschaulichen Küstenorts, der sich übrigens jährlich um ca. 1,5 m hebt und senkt (kein Spaß...), finden sich die sogenannten Phlegräischen Felder, und dort geht dann so richtig die Post ab! Es brodelt und zischt, es stinkt nach Schwefel, tritt man mit dem Fuß fester auf oder wirft einen größeren Stein, dann merkt man erst, welch' riesiger Hohlraum sich unter einem befindet. Fast unheimlich, dieser Ort! Wenige Fahrminuten entfernt, direkt an der Küste des Tyrrhenischen Meeres gelegen, findet sich der alte Ort CUMAE. Dort gingen die Griechen vor Anker, dort findet sich die Höhle der Sybille, die mit ihren Wahrsagungen das Leben der Menschen um 500 v.Chr. bestimmt hat.
Caserta / Monte Cassino
Zwei Ausflugsziele, die unbedingt lohnten gesehen zu werden, wurden leider allzu oft etwas stiefmütterlich links liegen gelassen! Fuhr man von Rom via Autobahn in Richtung Neapel, konnte man Monte Cassino gar nicht übersehen, so wunderbar thronte die Abtei der Benediktiner hoch oben auf dem Felsen in der Provinz Frosinone. Monte Cassino, heute ein Mahnmal für die zerstörerische Wut des Krieges, wurde die Anlage doch während des Vormarsches der Alliierten bis auf die Grundmauern niedergebombt. Nur mit internationalem Einsehen und gemeinsamen Handeln gelang der Wiederaufbau nach den historischen Bauplänen. Selbst der Melzer, als alter Atheist, musste sich eingestehen, dass er noch nie einen friedvolleren Ort erlebt und gespürt hatte, wie das Benediktinerkloster!
Und wenn schon in der Nähe, dann sollte natürlich auf dem Retourweg nach Neapel auch der Besuch des Schlosses von Caserta eingeplant werden. Die Residenz der Bourbonen während ihrer Herrschaft über das Königreich von Neapel und Sizilien gilt als eines der größten Schlösser Europas. Wie Monte Cassino gehört heute Caserta zum UNESCO-Welterbe. Besonders beeindruckend die barocke Parkanlage, die es aufgrund ihrer Größe fast nicht zulässt, dass man das gesamte Areal zu Fuß erkunden kann.
Neapel - und sonst nix!
Zugegeben, auch der Melzer hatte sich vor seiner ersten Reise in den Golf ein wenig verunsichern lassen, was ihn denn in Neapel erwarten würde. Müll, Mafia, Taschendiebstähle - siehe das Zitat am Anfang dieser Geschichte. Ein einziges Wort kann den Zauber Neapels erklären, dass der Melzer, wieder zugegeben, bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehört hatte: "Carita!" Carita bedeutet Nächstenliebe, und eben diese Tugend ist in der Stadt eine alltägliche Selbstverständlichkeit, wie sie Teile von uns in diesen Tagen völlig verlernt haben. Die eigentliche Attraktion Neapels sind nicht die prachtvollen und geschichtsträchtigen Kunstwerke, es sind die Neapolitaner mit ihrer gewöhnungsbedürftigen, lautstarken Liebenswürdigkeit, ihrer Großzügigkeit, ihrer Kühnheit, ihrer Schlitzohrigkeit, auch den schwierigsten Lebensumständen noch Schönheit und Würde zu verleihen!
Was einem auch immer in Neapel passieren kann - nur verhungern oder vereinsamen ist in Neapel schlicht unmöglich!
Da mag die ehrenwerte Gesellschaft das Ruder in der Hand
haben, da mag die ständige Gefahr in der Luft liegen, die von Vesuv und Konsorten ausging, an einigen Plätzen in und rund um Neapel lag
noch immer dieser Zauber in der Luft, der schon vor soooo vielen Jahren von Goethe beschrieben wurde: "Neapel ist eine komische Art von Paradies, jedermann lebt in einer trunkenen
Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich erscheine mir ein ganz anderer Mensch."
Die wunderbarste Art Neapel zu "erkunden" war wirklich die, mit der Circumvesuviana bis Endstation Porta Nolana zu fahren, und von dort in das pralle Leben der Altstadt einzutauchen. Gleich einmal durch den Markt, wo man von Marlboro (sicher nicht echt), über Rolex (auch nicht echt) bis hin zu frischen Fischen, Muscheln und Schnecken (echt) alles bekam, was man brauchte, oder nicht! Ein Abstecher in den Dom (Aufwartung beim heiligen Gennaro), dessen jährliche Blutverflüssigung darüber entschied, ob die Lottozahlen kamen, oder der Vesuv ausbricht, war natürlich Pflicht! Vom Dom war es dann nur ein Katzensprung in die Via dei Tribunali, und damit ins alte, historische Neapel. "Sotterranea", das unterirdische Neapel sollte besucht werden, ebenso die Via San Gregorio Armeno, die Straße der Krippenbauer. Un Cafè sollte in einer der unzähligen Bars getrunken werden, und bitte nicht scheuen, ev. den "Nachbar" an der Theke auf einen Espresso einzuladen - siehe "Carita"! Ev. eine Pizza "da vera" probieren, sollten sich dann erste Ermüdungserscheinungen zeigen, der ideale Ort um ein wenig zu ruhen wäre der Kreuzgang der Kirche "Santa Chiara", eine Oase der Ruhe mitten im lauten Neapel, durchzogen mit wunderbaren Bänken aus Majolika-Keramik und blühenden Zitrusbäumen.
Es gäbe noch so viel zu erzählen, über diese furchtbare, wundersame, schöne Region. Belassen möchte es der Melzer mit ein paar letzten Impressionen, alle Fotos dieses Eintrags entstanden übrigens in den Jahren zwischen 2010/2016.
Copyright by Melzer 2016, gerne stand der alte Querkopf für Anfragen über die Region zur Verfügung!
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Hannes (Dienstag, 29 März 2016 17:02)
Lieber Melzer,
wunderschön wie du das beschreibst. Und es macht einen neugierig das alles selbst zu erfahren. Danke für das süchtig machen.